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11.10.2018 | 20:42 Uhr

Landeszeitung Lüneburg: "Wenn Europa es nicht schafft, schafft es niemand" - Interview mit Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber

Lüneburg (ots) - Der neue Bericht des Weltklimarates sei ein
Weckruf für die Politik, hat ein Staatssekretär betont, Wieviele
Weckrufe braucht denn die Politik noch?

Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber: Das hängt davon ab, wie
verschlafen die Person ist. Man könnte sagen, wir haben alle zu
lange durchgefeiert, als gebe es kein Morgen. Jetzt bemerken wir
langsam, dass wir nüchtern werden. Der IPCC-Bericht fasst die
Ergebnisse von zahlreichen Studien zusammen. Was muss Ihrer Ansicht
nach umgehend getan werden, um den Anstieg der durchschnittlichen
Temperatur noch auf 1,5 Grad zu begrenzen? Das Pariser Abkommen sieht
vor, dass die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzt werden soll.
Schon das ist sehr schwierig. Der IPCC hatte zwei Aufträge bekommen:
Den Unterschied der Auswirkungen einer Erwärmung um 1,5 und zwei Grad
zu beschreiben; und herauszufinden, ob die Beschränkung auf 1,5 Grad
noch machbar ist. Dazu muss man wissen, dass es schon jetzt eine
Erwärmung um ein Grad im globalen Mittel gibt. Gleichzeitig maskiert
die Luftverschmutzung zum Beispiel durch Schwefelpartikel rund ein
halbes Grad Erwärmung. Wenn die Luft zum Beispiel über Europa,
Amerika, Asien sauberer werden würde, wären wir schon bald bei 1,5
Grad. Der IPCC hat trotzdem Szenarien vorgelegt, wie eine Begrenzung
auf 1,5 Grad gelingen könnte. Technisch und ökonomisch ist es nur
möglich, wenn wir sofort in den Ausstieg aus dem fossilen Geschäft
einsteigen. Dazu haben wir in wissenschaftlichen Fachaufsätzen mit
Kollegen eine Faustregel vorgelegt: Es muss ein exponentieller
Ausstieg sein - jedes Jahrzehnt muss der Kohlendioxid-Ausstieg
weltweit halbiert werden. Dann wären wir in der Mitte des
Jahrhunderts fast am Ziel von netto Null CO&amp;#8322;-Emissionen. So
hätten wir noch eine Chance, die globale Erwärmung auf deutlich unter
2 Grad zu begrenzen, so wie es die internationale Staatengemeinschaft
im Pariser Abkommen beschlossen hat. Allerdings müssen wir aufpassen,
dass wir auf dem Weg dorthin nicht einige unsere besten Freunde -
Ökosysteme wie Regenwälder - hinmorden, was im Augenblick der Fall
ist. Wenn zum Beispiel in Brasilien ein Präsident an die Macht kommen
sollte, dem Umweltschutz egal ist, verlieren wir genau die
natürlichen Kohlendioxid-Senken, die wir brauchen. Es gehören also
zwei Dinge zusammen: Der unmittelbare Ausstieg aus dem fossilen
Geschäft und die Bewahrung der Natur, die uns im Grunde genommen
schützt.

Die EU-Umweltminister haben sich auf eine Reduzierung der
Kohlendioxid-Emissionen im Straßenverkehr von 35 Prozent geeinigt.
Die Bundesregierung wollte hingegen nur 30 Prozent. Wird zu viel
Rücksicht auf die Industrie genommen?

Schellnhuber: Natürlich ist auch mir wichtig, dass es Unternehmen
gut geht und die Menschen Arbeit haben. Aber Kurzfrist-Denken hilft
nicht, wir müssen nachhaltig wirtschaften, sonst zerstören wir auf
Dauer die Grundlagen unseres Wohlstands. Wenn wir die riesige
Herausforderung Klimawandel und damit auch die Rettung der Existenz
unserer gesamten Zivilisation angehen, müssen Industriesektoren
transformiert werden. Die große Frage ist, ob wir Klimaneutralität
erreichen können, ohne damit soziale Verwerfungen herbeizuführen. Die
Antwort lautet: Ja, es ist möglich, wenn wir klare Ziele formulieren,
wenn wir alle Kräfte der Innovation entfesseln, und wenn wir dem
Menschen erklären, dass Veränderungen möglich sind. In der
Autoindustrie sind große Veränderungen ohnehin unabwendbar. Der
Verbrennungsmotor ist im Grunde ein Irrtum der Industriegeschichte.
Er ist ein extrem ineffizientes Gerät. E-Motoren nutzen Energie viel
effizienter, diesen Antrieben gehört ganz klar die Zukunft. Es hat
keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen. Ich würde der deutschen
Autoindustrie raten, sich an die Spitze der E-Mobilität zu setzen
statt hinterherzuhinken. Ich bin überzeugt davon, dass wir es können
in Deutschland. Ich glaube, dass Umdenken setzt gerade ein. Insofern
tut die Bundesregierung unserer Autoindustrie keinen Gefallen, wenn
sie zögerlich und defensiv agiert.

Die EU-Staaten haben sich zudem auf eine gemeinsame Linie für die
Weltklimakonferenz im Dezember geeinigt, wollen die Klimaziele der EU
womöglich erhöhen, machen dies aber von den Verhandlungen auf der
Klimakonferenz abhängig. Ist die Zeit des gegenseitigen Belauerns
nicht vorbei, wäre es nicht besser, wenn die EU voranschreitet statt
auf die anderen zu schauen?

Schellnhuber: Ja, natürlich muss man voranschreiten. Die
Klimagipfel sind unglaublich kompliziert, die Verhandlungen sind
unendlich frustrierend. Aber es geht hier um das Selbstverständnis
von Europa. Wenn wir weder eine völlig ungezügelte Konsumkultur haben
wollen, in der sich alles nur um Profite dreht, und wenn wir keine
freiheitsfeindliche, zentral-geplante Wirtschaft und Gesellschaft
haben wollen, müssen wir dem europäischen Weg konsequent weiter
folgen. Dieser Weg bedeutet: Wir haben Freiheit, aber gleichzeitig
auch Verantwortung, ethische Werte und Ziele. Daraus folgt, dass wir
in der Tradition der europäischen Aufklärung voranschreiten müssen,
ohne eine Garantie zu haben, dass der Rest der Welt folgen wird. Wenn
Europa das nicht hin bekommt, bekommt es niemand hin.

Die Arktis ist besonders stark betroffen von der Erderwärmung. Je
mehr Permafrostböden auftauen, desto mehr des dort gespeicherten
Kohlendioxids wird freigesetzt. Können wir diesen Prozess überhaupt
noch in verkraftbare Bahnen lenken?

Schellnhuber: Wenn wir Glück haben - und wenn wir die Erwärmung
begrenzen. Ich war Mitautor des Artikels über die Unterdrückung einer
Eiszeit durch den Klimawandel, der für großes Aufsehen gesorgt hatte.
In diesem Artikel haben wir darauf hingewiesen, dass es eine Reihe
von schleichenden Entwicklungen gibt, die nicht mehr gestoppt werden
können, wenn sie erst einmal in Gang gekommen sind. Das betrifft
nicht nur Permafrostböden, sondern auch die riesigen
Methaneis-Sedimente auf den Kontinentalschelfen. Diese gigantischen
Reservoirs erstarrter Treibhausgase könnten tatsächlich in Bewegung
geraten. Wir Wissenschaftler glauben, dass es - noch - ein sehr
langsamer Prozess ist, der zwar nicht völlig vermieden, aber dessen
Ausmaß begrenzt werden kann. Wir können aber nicht sicher sein, wir
können das Risiko nicht genau beziffern. Deshalb gibt es zwei
Konsequenzen: Wir Forscher müssen so schnell wie möglich das
tatsächliche Risiko besser einschätzen. Und wir alle müssen so
schnell wie möglich die globale Erwärmung begrenzen, um die Risiken
zu senken, dass das Methan freigesetzt wird. Wir können uns nicht
darauf verlassen, dass die Natur auch dieses Mal gnädig mit uns ist.

Steht das Interesse an der Ausbeutung der riesigen
Rohstoffvorkommen in der Arktis dem Klimaschutz entgegen?

Schellnhuber: Das ist in der Tat eine so egoistische wie dumme
Rechnung, die gerne aufgemacht wird: Schmilzt das Eis, kann man
besser an die Rohstoffe kommen. So entsteht eine geradezu zynische
Ironie. Genau diejenigen, die an der Erderwärmung eine große
Mitschuld haben, profitieren vom Klimawandel: Erdölkonzerne und Co.
Wir müssen alles dafür tun, dass die Arktis nicht erschlossen wird.

Es scheint unumgänglich, das klimaschädliche Gas aktiv aus der
Luft zu entfernen. Neben der Aufforstung gibt es weitere
Möglichkeiten wie das CCS-Verfahren, die BECCS-Technologie oder
 Geoengineering. Welche Technologie wäre Ihrer Meinung nach zu
wählen?

Schellnhuber: Am besten keine. Ich habe da eine ganz klare Linie:
Wir sollten auf keinen Fall irgendwelche Frankenstein-Technologien
ins Spiel bringen, die wir nicht beherrschen können - das gilt vor
allem für das Abschirmen von Sonnenlicht durch künstlich in die
Atmosphäre eingebrachte Partikel, das Solar Radiation Management. Wir
sollten vielmehr auf besseres Waldmanagement mit Aufforstungen
setzen. Wir sollten auf eine weniger industrialisierte Landwirtschaft
setzen. Beides trägt dazu bei, Klimaschutzziele zu erreichen.
Kohlendioxid direkt aus der Luft entfernen, Carbon Dioxide Removal
heißt das in Fachkreisen, ist thermodynamisch schwierig und enorm
teuer. Zudem müsste man dafür eine globale Infrastruktur aufbauen.
Denkbar ist, aber nur in begrenztem Maße, das Abspalten und
unterirdische Verpressen von CO&amp;#8322; aus den Abgasen von
Biomasse-Kraftwerken. Aber es ist wesentlich wichtiger, die globale
Infrastruktur für Erneuerbare Energien so schnell wie möglich
auszubauen. Das wäre ein doppelter Gewinn: Wir würden sehr günstig
Energie bekommen und wären nicht mehr von Schurkenstaaten abhängig,
die allein ihrem Ölreichtum ihre Existenz verdanken. Zweitens würden
wir dem Klima etwas Gutes tun.

Wie groß ist denn die Gefahr, dass die Meere als
Kohlendioxid-Senke ausfallen, weil sie mit jedem Zehntelgrad
Erwärmung immer weniger Kohlendioxid aufnehmen?

Schellnhuber: Sie werden nicht ausfallen, aber auf Dauer weniger
Kohlendioxid speichern können. Hinzu kommt ein weiteres Problem: die
Versauerung der Meere. Wenn sie CO&amp;#8322; aufnehmen, verändern sie
ihre Chemie, und das hat weit reichende Auswirkungen auf die
Lebewesen im Meer. Das wird intensiv erforscht. Zwei Drittel des
Planeten sind von Wasser bedeckt. Wir sollten die Ozeane so gut wie
möglich schützen - in unserem eigenen Interesse.



Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
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